Reihen

Regie Aylin Kuryel und Fırat Yücel Türkei 2019

57 min, OmeU

Im Anschluss Gespräch mit Aylin Kuryel und Fırat Yücel

bis

FREUNDSCHAFT AUF ZEIT

Vertragsarbeit und Internationalismus in der DDR

Kuratiert von Tobias Hering und Sun-ju Choi

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Regie Furqan Faridi, Ashfaque EJ, Shaheen Ahmed und Vishu Sejwal Indien 2019

43, OmeU

Im Anschluss Gespräch mit Shivramkrishna Patil und Susanne Gupta

bis

KuirFest Berlin 2019

Queer Feminist Rebels

Kuratiert von Pembe Hayat KuirFest / Pink Life QueerFest, Esma Akyel und Esra Özban

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Skin

#95

Regie Afraa Batous Syrien, Libanon 2015

82 min., OmeU

Im Anschluss Gespräch mit Lisa Jöris und Afraa Batous

bis

BITTER THINGS

Narrative und Erinnerungen transnationaler Familien

Kuratiert von Malve Lippmann und Can Sungu

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bis

Beyond the War

Syrische Gesellschaft und Politik vor und nach 2011

Von Amer Katbeh

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bis

Von Florian Wüst

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Stadt, Land, Fremde

„Die Geschichten der Migration sind Geschichten in Bewegung und Geschichten der Bewegung. Die Geschichten, die in Deutschland so lange nicht erzählt wurden, sind jedoch die der Ankunft, des Daseins. Ebenjenes Dasein, das als Ankunft in der ‘Normalität’ begriffen wird.“ (1) 

Die Normalität der Fabrikarbeit. Die Normalität des Anspruchs auf eine Sozialwohnung. Die Normalität der Zweisprachigkeit. Die Normalität einer postmigrantischen Gesellschaft? Nicht zuletzt das türkisch-deutsche Kino seit den 1980er Jahren hat eine mediale Sichtbarkeit der Migration geschaffen, die das Gespenst der stummen, zu Kommunikation und Integration unfähigen Gastarbeiter*innen hinter sich und stattdessen Migrant*innen als selbstbewusst handelnde Subjekte in Erscheinung treten lässt (2). Migration, Zuflucht und Mobilität fordern auf produktive Weise die traditionelle Auffassung von Kultur als einem geschlossenen System heraus. Doch der Transnationalität der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Beziehungen in Europa tritt heute wieder verstärkt der rechtspopulistisch befeuerte Rückzug auf die Nation, auf feste Zugehörigkeiten und Ausschlüsse des vermeintlich Anderen entgegen.

Vor diesem Hintergrund zeigt die sechsteilige Filmreihe Stadt, Land, Fremde vielfältige Bewegungen, handelt von Gehen und Bleiben, Freiheit und Grenzen, Recht und Gewalt. Die Auswahl an historischen und zeitgenössischen Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilmen fokussiert dabei nicht nur auf den Ort der Stadt und ihre sich verändernden Arbeits- und Wohnbedingungen, sondern ebenso auf die Migrationsbewegungen von West nach Ost und Ost nach West in den Folgejahren der Wiedervereinigung sowie die Geschichte und Gegenwart des strukturellen Rassismus in Deutschland.

(1) Nanna Heidenreich, V/Erkennungsdienste, das Kino und die Perspektive der Migration, Bielefeld 2015, S. 154.
(2) Vgl. Deniz Göktürk, Migration und Kino. Subnationale Mitleidskultur und transnationale Rollenspiele?, in: springerin, Heft 2/2001, S. 42-47.

Mit freundlicher Unterstützung der Landesstelle für Entwicklungszusammenarbeit des Landes Berlin (LEZ).

Florian Wüst lebt als freischaffender Filmkurator, Künstler und Verleger in Berlin. Er ist Mitgründer der Berliner Hefte zu Geschichte und Gegenwart der Stadt und war von 2016 bis 2020 Film- und Videokurator der transmediale.

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Filme

Regie Sema Poyraz und Sofoklis Adamidis BRD FRG (West Germany)

93 min., OmeU

Im Anschluss Gespräch mit Sema Poyraz

GÖLGE

Gölge ist Sema Poyraz Abschlussfilm an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) und entstand in Zusammenarbeit mit ihrem griechischen Kommilitonen Sofoklis Adamidis. Der abendfüllende Spielfilm handelt von Gölge, die mit ihrer jüngeren Schwester und ihren aus der Türkei stammenden Eltern in einer beengten Zwei-Zimmer-Wohnung in Berlin-Kreuzberg lebt. Sie versucht zwischen türkischer und deutscher Lebenswelt einen eigenen Platz zu finden. Ihr Traum ist es, Schauspielerin zu werden. Als die Mutter Gölge mehr Freiheiten geben will, beginnt der Vater, ihre Wünsche und Träume umso stärker zu unterdrücken. Die Idee zum Drehbuch kam Poyraz beim Sehen einer Dokumentation über türkische Mädchen und Frauen in Berlin, greift aber auch ihre eigenen Erfahrungen als Türkin in Deutschland auf. Gölge wurde vom Sender Freies Berlin (SFB) koproduziert; die Erstausstrahlung erfolgte im August 1980 unter dem Fernsehtitel Zukunft der Liebe.

„Als Kammerspiel inszeniert, handelt der Film von der erwachenden Sexualität der jungen Gölge und ihren Konflikten mit ihrer Familie. Um an den Partys ihrer Mitschüler teilzunehmen, startet Gölge komplizierte häusliche Intrigen. Ihre ersten Flirts finden unter allgegenwärtiger sozialer Kontrolle statt. Die Erschöpfungen, Zärtlichkeiten und Kabbeleien der Eltern, die Männer- und Frauengespräche sind mit anteilnehmender Ambivalenz gezeichnet. Am Schluss packt Gölge ihren roten Koffer, und die Schlafcouch im Wohnzimmer bleibt leer: Sie muss nicht gerettet werden. Es ist dies ein Gründungsfilm des türkisch-deutschen Kinos, der in seiner konzeptionellen Strenge und in der Darstellung von Gesellschaft als andauerndem Aushandlungsprozess wie auch in der sympathisierenden Inszenierung der sexuellen Phantasien der erwachsen werdenden Gölge einen damals neuen Weg beschreitet.“ (Madeleine Bernstorff)

Sema Poyraz, geboren in 1950 in der Türkei, ist eine Schauspielerin, Filmregisseurin und Drehbuchautorin. Poyraz studierte ab 1973 an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Ihr Abschlussfilm Gölge (1980) kann als früher Ausgangspunkt eines sogenannten deutsch-türkischen Kinos bezeichnet werden. 

Regie Hans-Georg Ullrich und Detlef Gumm Deutschland 1994

86 min., OmeU

Im Anschluss Gespräch mit Hans-Georg Ullrich und Detlef Gumm

DAS FREMDE

Der vom Westdeutschen Rundfunk (WDR) koproduzierte Dokumentarfilm Das Fremde spürt in der besonderen historischen Situation der Nachwendezeit in Ostdeutschland verschiedenen Erfahrungen der Migration, der Rückkehr und des Fremdseins im eigenen Land nach.

Herr Mujemba, ein Doktor der Wirtschaft aus Zaire, geht als „Schwarzer zum Anfassen“ in brandenburgische Schulen, um bei Kindern Berührungsängste und Vorurteile abzubauen. Die Gebrüder Wentzel lassen sich in Teutschenthal bei Halle an der Saale nieder und restaurieren ihren einstigen Familienbesitz. Ein Makler aus dem Sauerland will Grundstücke aufkaufen, um Ferienwohnungen für westdeutsche Kapitalanleger zu errichten. Herr von Maltzan, Chemiker aus Berlin, versucht aus der heruntergekommenen LPG auf dem Land seiner Vorfahren einen neuen Agrarbetrieb zu machen. An der deutsch-polnischen Grenze beziehen Bundesgrenzschutzbeamte provisorische Blockhaussiedlungen. Der junge Graf Solms bereitet die Übersiedelung seines Vaters aus Namibia ins Baruther Schloß vor. In einer Greifswalder Erwachsenenschule bildet eine türkische Lehrerin aus Hamburg arbeitslose Ingenieure aus. Jugendliche im Zonenrandgebiet beklagen die Zustände, können sich aber nicht vorstellen, von Zuhause wegzugehen. Als roter Faden dienen dem Film die Reflexionen der 1961 in Cottbus geborenen Ärztin Gabriela Willbold, Tochter eines schwarzen Vaters und einer weißen Mutter, die von ihrem Leben mit der anderen Hautfarbe in der DDR und im wiedervereinigten Deutschland erzählt.

Hans-Georg Ullrich (geboren 1942 in Magdeburg) absolvierte eine Fachhochschulausbildung als Fotograf. Er drehte eine Reihe preisgekrönter Industriefilme. Ullrich arbeitet seit den 1970er Jahren mit Detlef Gumm zusammen. Ihr erster gemeinsamer Erfolg war 1973 die Dokumentarserie Alltag – Bilder von Unterwegs

Detlef Gumm (geboren 1947 in Ludwigshafen) zog nach einem Praktikum im Tonstudio der BASF nach Berlin und studierte während der Studierendenbewegung Publizistik, Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte. Gemeinsam mit Hans-Georg Ullrich gründete er 1975 die Produktionsfirma Känguruh-Film.

Regie Gisela Tuchtenhagen Deutschland 1994

86 min., OF

Im Anschluss Gespräch mit Gisela Tuchtenhagen

EKMEK PARASI – GELD FÜR’S BROT

Das Gemüse kommt aus dem Garten hinterm Haus, der Fisch kommt aus der Dose und das Geld für’s Brot aus der Fabrik. Dieses Geldes wegen kamen sie her. Frauen aus der Türkei, Frauen aus Mecklenburg – gemeinsam stehen sie am Fließband der Hawesta Fischfabrik in Lübeck. Braungefärbte Hände, penetrant haftender Fischgeruch, schmerzende Arme und Rücken. Würde diese Arbeit von Männern gemacht, wäre sie längst schon automatisiert. Aber Frauenarbeit ist billig und die Frauen beklagen sich nicht, trotz der vielen Probleme. Sie haben gelernt zu arbeiten. Auch das ist ihr Stolz.

„Es ist Serap Berrakkarasu gelungen, ein Vertrauensverhältnis herzustellen, weil sie sich den Frauen mit Gefühl und großem Interesse nähert – und weil sie ihre Sprache spricht. Ekmek Parası – Geld für’s Brot ist ein Film in deutscher und türkischer Sprache. Auch daraus bezieht er seinen Reiz und seine Authentizität. Typische Frauenarbeit war immer kommunikativ. Es ist das Verdienst von Serap Berakkarasu und Gisela Tuchtenhagen, diese Kommunikation aufgenommen und in ihrer Direktheit und Spontaneität für den Film bewahrt zu haben. Am Ende werden die Filmemacherinnen von den Frauen in der Fischfabrik verabschiedet wie Kolleginnen: Ein schönes Wochenende!“ (Linde Fröhlich)

Gisela Tuchtenhagen wurde im 1943 in Koszalin (Polen) geboren. Sie ist das fünfte Kind einer Familie, die 1944 nach Schleswig-Holstein flüchtete. Mit 15 Jahren ging Tuchtenhagen nach Paris und lebte dort bis 1963. Nach einer Fotografenlehre studierte sie an der DFFB in Berlin und arbeitete anschließend als Kamerafrau und Filmeditorin.

OmeU

Im Anschluss Gespräch mit Mareike Bernien, Alex Gerbaulet und Ezra Gerhardt-Schubert

KURZFILME – STADT, LAND, FREMDE

Das Zimmer, Johannes Beringer, BRD 1966, 15′
Inventur – Metzstrasse 11, Želimir Žilnik, BRD 1975, 9′
Ich deutsche Behörde, Ezra Gerhardt & Alf Böhmert, BRD 1981, 24′
Nyx, Claire Hooper, UK/DE 2010, 22′
Tiefenschärfe / Depth of Field, Alex Gerbaulet & Mareike Bernien, DE 2016/17, 15′

Mit einem Schwerpunkt auf Berlin begeben sich die Filme des Kurzfilmprogramms von Stadt, Land, Fremde in Stadt- und Wohnräume, Amtszimmer, Treppenhäuser und U-Bahnhöfe. Auf dokumentarische wie künstlerisch-essayistische Weise werden migrantische Erfahrungen von Stadt und Alltag, Gewalt und Erinnerung aufgezeichnet, fiktionalisiert und in ihrer politischen Bedeutung reflektiert. Eine Zeitreise durch fünf Jahrzehnte einer Ästhetik der Migration, die zunehmend auch von experimentellen filmischen Arbeiten getragen wird, „welche Film ebenso als Mittel der Repräsentation wie als Methode der Exploration nutzen“ (1).

(1) Jana König, Elisabeth Steffen, Conflicted Copy ein Streifzug durch das Filmprojekt Mauern 2.0. Migrantische und antirassistische Perspektiven auf den Mauerfall. Gestern und heute, in: Frauen und Film, Heft 67: Migration, 2016, S. 25.

Das Zimmer, Johannes Beringer, BRD 1966, 15′
Deutsche Originalfassung

In Das Zimmer verarbeitet der Schweizer dffb-Student Johannes Beringer seine ersten Eindrücke als Fremder in West-Berlin und experimentiert zudem mit Bild, Ton und Montage. Die dokumentarischen Aufnahmen von Häusern, Straßenzügen, Verkehrsmitteln und Menschen halten den Kontrast zwischen Fortschritt und Stillstand fest und offenbaren die ungleichen sozialen Realitäten der Stadt: Immer wieder kehrt der Film zu Beringers Zimmernachbar zurück, einem Mann aus dem Libanon, der mit einem Freund einen Artikel über den ägyptischen Staatspräsidenten Gamal Abdel Nasser diskutiert und erfolglos versucht, eine Wohnung zu finden.

Inventur – Metzstrasse 11, Želimir Žilnik, BRD 1975, 9′
Deutsch-türkische Originalfassung mit englischen Untertiteln

In den 1970er Jahren lebte der serbische Filmemacher Želimir Žilnik in Westdeutschland. In dieser Zeit entstand Inventur – Metzstrasse 11: Ein Kurzfilm über die Bewohner*innen eines alten Mietshauses in München-Haidhausen. Jeweils kurz im Treppenhaus innehaltend, stellen sie sich – die meisten von ihnen sind „Gastarbeiter*innen„ – ihre Lebensumstände und Zukunftswünsche vor. Sie bestimmen selbst, was und wieviel sie vor der Kamera erzählen. In seiner außerordentlichen formalen Einfachheit thematisiert der Film die damalige Praxis, Wohnhäuser durch Vernachlässigung und Überbelegung mit Gastarbeiter*innenfamilien herunter zu wirtschaften, um sie dann durch Abriss oder Sanierung gewinnträchtig zu verwerten.

Ich deutsche Behörde, Ezra Gerhardt & Alf Böhmert, BRD 1981, 24′
Deutsche Originalfassung

So gut wie ohne Kommentar zeigt Ich deutsche Behörde die Arbeit einer Westberliner Ausländerbehörde in den frühen 1980er Jahren. Zuerst steht das „Dokumentieren der Dokumentation“ (Nicole Wolf) im Vordergrund: Asylsuchende werden auf Stockwerke und Zimmer verteilt, Fingerabdrücke abgenommen, Gesichtsprofile mit Messlatte im Bild fotografiert, Befragungen mit Hilfe von Dolmetscher*innen durchgeführt. Später beobachtet der Film die konkreten Handlungen im Prozess der Ausweisung von Personen ohne Aufenthaltstitel – von der Ausweiskontrolle über die Inhaftierung bis zur Abschiebung via Flughafen Tegel, in welcher sich die in den standardisierten Verwaltungsvorgängen versteckte Gewalt auf brutale Weise verdeutlicht.

Nyx, Claire Hooper, UK/DE 2010, 22′
Englisch-deutsche Originalfassung

In der griechischen Mythologie gibt uns die Erdgöttin Gaia den Topos der Stadt, während uns Nyx, die Göttin der Nacht, den inneren Freiraum schenkt. Die Nachkommen von Nyx sind eine mächtige Schar, die menschliche Erfahrungen wie Wut, Streit und Freundschaft verkörpern. Mit Thanatos, dem Gott des ruhigen Todes, seinem Zwillingsbruder Hypnos und seiner Frau Pasithea, der Göttin der Halluzinationen, beginnt die Odyssee eines jungen Mannes aus Kreuzberg mit der U-Bahnlinie 7 Richtung Spandau. Die U7, deren Bahnhöfe von Oberbaurat Rainer G. Rümmler gestaltet wurden, verläuft entlang der Spree und wird in Nyx zu Lethe, dem Fluss des Vergessens. Der Plot des Films basiert auf Alltagsanekdoten kurdischer Freund*innen und Bekannten, die eine ähnliche, wenn auch ungeschriebene Erfahrung der jüngeren Geschichte Berlins teilen.

Tiefenschärfe / Depth of Field, Alex Gerbaulet & Mareike Bernien, DE 2016/17, 15′
Deutsche Originalfassung mit englischen Untertiteln

Nürnberg 2016. Vor 17 Jahren explodierte in dieser Stadt in einer Bar eine Bombe. Vor 16, 15, 11 Jahren wurden ein Blumenhändler, ein Änderungsschneider, ein Imbissbesitzer ermordet. Wie filmt man einen Tatort, so dass er auch einfach Ort sein kann? Ein Ort, von dem aus man auf die Stadt schaut. Ein Ort, der schaut. Ein Ort, der sich schüttelt und wehrt, gegen das Filmteam, gegen die Erinnerung an die Tat. Inspiriert von den Denkbewegungen und Ästhetiken des Schriftstellers, Künstlers und Filmemachers Peter Weiss untersucht Tiefenschärfe / Depth of Field Orte in Nürnberg, an denen der sogenannte Nationalsozialistische Untergrund (NSU) Mord- und Bombenanschläge verübt hat.

Mareike Bernien lebt in Berlin und arbeitet als Künstlerin zwischen performativem Film, Sound und Text. Mit einem medienarchäologischen Ansatz hinterfragen ihre Arbeiten ideologische Gewissheiten von Repräsentation, ihre materiell-technologischen Voraussetzungen und historischen Kontinuitäten.

Alex Gerbaulet, geboren 1977, lebt und arbeitet als Künstlerin, Filmemacherin und Kuratorin in Berlin. Sie studierte Philosophie, Medienwissenschaften und Freie Kunst in Braunschweig und Wien. Sie erhielt zahlreiche Stipendien, ihre Arbeiten wurden international ausgestellt und ihre Filme wurden auf diversen Festivals im In- und Ausland gezeigt. Außerdem arbeitet sie als Dozentin und als selbstständige Kuratorin für Kunstinstitutionen und Festivals. Seit 2014 arbeitet sie als Autorin und Produzentin bei pong film Berlin.

Ezra Gerhardt-Schubert ist Filmregisseur, bekannt für den FIlm Ich, deutsche Behörde, den er 1981 zusammen mit Alf Böhmert realisierte.

Regie Hussi Kutlucan Deutschland 1998

95 min., OF

Im Anschluss Gespräch mit Hussi Kutlucan

ICH CHEF, DU TURNSCHUH

Hussi Kutlucans Spielfilm Ich Chef, Du Turnschuh, eine Produktion des ZDF – Das kleine Fernsehspiel, dreht sich um den armenischen Asylbewerber Dudie. Von Kutlucan mit Witz und Charme selbst gespielt, sitzt dieser mit seiner Freundin Nani auf einem Containerschiff im Hamburger Hafen fest, einer Sammelstelle für Geflüchtete aus aller Welt. Nachdem Nani zum Schein einen Deutschen ehelicht, flieht der Verlassene mit gefälschten Papieren nach Berlin und beginnt für wenig Geld auf der Großbaustelle am Reichstag zu arbeiten.

Die Schikanen seiner Vorgesetzten und Kollegen sowie die Ausbeutung durch den Arbeitgeber lassen auch Dudie mehr und mehr nach einer Heirat mit einer deutschen Frau streben. Nina, die er in einer Absteige kennenlernt, würde ihn zum Mann nehmen – allerdings nur für 15.000 Mark, die er unmöglich aufbringen kann. Als sein Lohn ausbleibt, organisiert Dudie einen Streik. Dieser bringt ihm zwar Freunde auf der Baustelle ein, doch muss er fortan vor der Polizei fliehen. Inzwischen hat sich Nina in Dudie verliebt, der einen treusorgenden Vaterersatz für ihren Sohn Leo abgibt. Das Happy End könnte perfekt sein, würde Nina nicht von ihrem Ex erstochen werden. Mittellos und ohne Bleibe schlägt sich Dudie zusammen mit Leo, der sich weigert, in ein Heim zu gehen, durch die Stadt und purzelt von einer tragikomischen Situation in die nächste.

Kutlucans humorvolle Beschäftigung mit dem Thema Asyl erscheint aktueller denn je. Mal ist der mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnete Film zum Lachen, mal zum Weinen, mal ernsthaft und dramatisch, mal albern und sentimental. Ich Chef, Du Turnschuh versteht es, den Unmenschlichkeiten und Absurditäten der Flüchtlingsexistenz im vermeintlichen Rechtsstaat durch Leichtigkeit und Charakter auf die Schliche zu kommen.

Hussein „Hussi" Kutlucan (geboren 1962 in Kemah, Türkei) ist ein deutscher Autorenfilmer, Schauspieler und ehemaliger Punkrocker. Ich Chef, Du Turnschuh wurde 2000 mit dem Adolf-Grimme-Preis in Gold ausgezeichnet. 

Regie Angelika Levi Deutschland 2015

55 min., OmeU

Im Anschluss Gespräch mit Angelika Levi und Sandy Kaltenborn

MIETE ESSEN SEELE AUF

In der Nacht des 26. Mai 2012 zimmerten einige Bewohner*innen der Sozialwohnungen am südlichen Kottbusser Tor, mehrheitlich türkischstämmige Nachbar*innen, aus Europaletten ein Protesthaus zusammen. Sie nannten es „Gecekondu“, aus dem Türkischen übersetzt heißt das: „Über Nacht erbaut“. Mit dieser Besetzung eines öffentlichen Platzes im Zentrum von Kreuzberg begann die Mieter*inneninitiative Kotti & Co einen bis heute täglich sichtbaren Widerstand und setzte das Thema des Sozialen Wohnungsbaus und die massive Verdrängung einkommensschwacher Haushalte aus der Berliner Innenstadt auf die politische Agenda. Menschen mit sehr verschiedenen Biografien und politisch unterschiedlichen Ansichten begannen miteinander zu reden und ihre Geschichten zu teilen. Die Abgrenzungen und Vorurteile wichen einer positiven Verunsicherung, aus Nachbarschaft entstand Freundschaft.

Miete essen Seele auf dokumentiert zwei Jahre nachbarschaftlicher Organisierung und Protest. Die Initiative fordert Mietobergrenzen sowie die Rückführung der Sozialwohnungen in städtisches Eigentum. Angelika Levis zusammen mit Christoph Dreher gedrehter Film verknüpft dabei die Wohnungsfrage mit der Geschichte der Migration und betont eine Verbindung von Rassismus und urbaner Verdrängung.

Angelika Levi ist Filmemacherin und Videokünstlerin. Sie studierte an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb). Ihr Dokumentarfilm Miete essen Seele auf wurde erstmals 2015 in der Ausstellung Wohnungsfrage im Haus der Kulturen der Welt in Berlin gezeigt.

Sandy Kaltenborn gründete 2011 gemeinsam mit Nachbar*innen am Kottbusser Tor die Mietergemeinschaft Kotti & Co. Er engagiert sich für den sozialen Wohnungsbaubestand in Berlin. Hauptberuflich ist er Kommunikationsdesigner und betreibt seit 13 Jahren das Büro image-shift.net. Aufgewachsen ist er im Mittleren Osten, wohnte vor der Dot-Com-Gentrifizierungswelle in San Francisco und lebt nun schon seit 23 Jahren in Berlin-Kreuzberg.