Über

bi’bakaudio ist ein Programm für kuratierte Hörabende, das audiophile Zugänge zum Musik, Gesellschaft und Politik schafft. Von Live-Radio-Shows über Schallplattenverhörungen, Mini-Konzerte, Künstler*innengespräche und Soundscapes lädt bi’bakaudio dazu ein, zusammen mit Musiker*innen, Klangkünstler*innen, Aktivist*innen und Musikwissenschaftler*innen auf die musikalischen Spuren der postmigrantischen Gesellschaft zu hören und den Klang transkultureller Lebensformen zu erforschen.

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Von Sebastian Reier aka Booty Carrell, Pamela Owusu-Brenyah aka DJ Pam Bam, Florian Sievers, Oded Erez, Kornelia Binicewicz, Mountains of Tongues, Rahman Məmmədli, Ekaterina Borisova, Yuriy Gurzhy und Can Sungu

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OUTERNATIONALE: Stars from Outer Space

2020 widmet sich bi’bakaudio mit dem Projekt OUTERNATIONALE: Stars from Outer Space dem Konzept der sogenannten Outernational Music, einer Gegenposition zur Weltmusik bzw. World Music. Während Weltmusik dazu tendiert, Musik, die außerhalb der westlichen Welt produziert wird, zu exotisieren oder sie für den westlichen Geschmack zu zähmen, begreift Outernational Music die Unterscheidung zwischen westlicher Musik und Weltmusik selbst als eine Verlängerung des kolonialen Blicks. Im Gegensatz dazu wendet sich das Konzept Outernational Music den Klangproduktionen zu, die fernab des westlichen Musikmarktes in grenzüberschreitenden Geographien rezipiert und gefeiert wird. Outernational Music ist weder Mainstream noch Underground, sie ist vielsprachig und durch diverse Musiktraditionen und Kulturen beeinflusst. Die Reihe OUTERNATIONALE stellt im Gespräch mit Expert*innen ausgewählte Outernational Stars und deren künstlerisches Schaffen und Biographien vor. Jenseits kultureller oder sprachlicher Barrieren wagen wir eine musikologische Kollektivrecherche.

Gefördert duch den Berliner Senat für Kultur und Europa

Ekaterina Borisova ist Musikjournalistin in Sankt Petersburg, Russland. Seit Mitte der 80er Jahre schreibt sie Artikel über Rockmusik für russische Zeitschriften und Zeitungen. Gleichzeitig ist sie ein großer Fan von und hat sich ein tiefes Wissen über die russische Underground-Rock-Szene angeeignet. Sie ist auch Autorin mehrerer Bücher - darunter zwei Bücher über Yanka Dyagileva, die 1998 - 2005 herausgegeben und wieder aufgelegt wurden.

Florian Sievers ist Journalist, Autor und Kurator, der alternative Geschichten aus afrikanischen Städten erzählt, in denen derzeit eine aufstrebende Mittelschicht – von Mode über Kunst bis hin zu vor allem Musik – hippe kulturelle Ausdrucksformen hervorbringt. Ursprünglich ausgebildeter Journalist für Politik und Wirtschaft, recherchiert Florian Sievers seine zukunftsweisenden Geschichten in Auseinandersetzung mit den lokalen urbanen Gemeinschaften. Ganz nebenbei ist Florian auch zum Hobbysammler alter Schallplatten aus Afrika geworden.

Kornelia Binicewicz ist eine polnische Schallplattensammlerin und Kuratorin sowie DJ und Gründerin von "Ladies on Records", einem facettenreichen Projekt, das sich auf das musikalische Erbe von Frauen auf der ganzen Welt konzentriert und weibliche Musik der letzten Jahrzehnte präsentiert. Ihre Leidenschaft für die Musik weiblicher Akteure brachte sie in die Türkei, wo sie begann, die unentdeckte Welt der türkischen Frauenmusikszene zu erkunden. Im Laufe von fünf Jahren, in denen sie Schallplatten ausgrub und vergessene oder nicht anerkannte Sängerinnen in der Türkei kennenlernte, gelang es ihr auch, in die Archive alter türkischer Labels einzutauchen. Sie kuratierte die Sammelwerke "Turkish Ladies. Female Singers from Turkey 1973 - 1988" (Epic Istanbul) und "Uzelli Psychedelic Anadolu" (Uzelli), die beide auf Vinyl erschienen. Kornelia arbeitet derzeit an einem besonderen Projekt, das Sängerinnen aus der Türkei aus einem der Archive der türkischen Labels gewidmet ist.

Mountains of Tongues (Ben Wheeler und Stefan Williamson-Fa) hat die letzten sieben Jahre damit verbracht, die Kaukasusregion zu bereisen, Aufnahmen zu machen und Beispiele weniger bekannter musikalischer Traditionen zu sammeln. Mit Hilfe von Ausschnitten aus ihren Feldaufnahmen, kombiniert mit Stücken aus einem persönlichen Archiv Langspielplatten, Tonbändern, CDs und VHS-Aufnahmen aus der ganzen Region, bieten ihre Live-Shows einen einzigartigen Einblick in die Klanglandschaften des Kaukasus. Ob Lo-Fi-Bootlegs aserbaidschanischer Gitarrist*innen, die Gesangsgymnastik der gurianischen Polyphonie, schmetternde jesidische Holzbläser bei einer Verlobungsparty, Auto-Tune dagestanischer Techno, kreisende tschetschenische Sufi-Rituale oder Vintage-Synthesizer von Yamaha, die Lieder in isolierten Sprachen begleiten - Mountains of Tongues präsentiert Musik an der Schnittstelle zwischen dem Modernen / Traditionellen, dem Partizipatorischen / Präsentativen und dem Heiligen / Säkularen.

Oded Erez (Fachbereich Musik, Bar-Ilan Universität) ist Dozent für populäre Musik und Filmmusik und arbeitet an der Schnittstelle von historischer Musikwissenschaft, Musikethnologie und Kulturwissenschaften. Seine Arbeit konzentriert sich auf die Beziehung zwischen Politik und Ästhetik, mit einem Schwerpunkt auf Musik in Israel und im Mittelmeerraum. Gegenwärtig arbeitet er an der Fertigstellung eines Buchmanuskripts über griechische Musik und ethnische Klassenpolitik in Israel.

Pamela Owusu-Brenyah ist Musikberaterin, Festivalorganisatorin und DJ, die sich für eine bessere Sichtbarkeit der zeitgenössischen afrikanischen Popkultur in Deutschland einsetzt. Mit ihrer Community-Plattform AFRO x POP bietet sie regelmäßig eine Musikfestbühne für aufstrebende Künstler der afrodeutschen Szene. Pamela, studierte Politikwissenschaftlerin, lebt in Berlin und hat familiäre Wurzeln in Ghana. Sie hat drei Jahre lang in Ghanas Hauptstadt Accra als DJ gearbeitet und pendelt seitdem zwischen den beiden musikalischen Welten hin und her.

Rəhman Məmmədli wurde 1961 im Bezirk Füzüli von Qarabağ geboren und wuchs umgeben von der Musik dieser Region auf. Durch seine Verbundenheit mit der traditionellen Mugham- und Aşık-Musik ist es ihm gelungen, diese Genres durch neue und eigenständige Spieltechniken auf die E-Gitarre zu übertragen. Seine Fähigkeit, die Stimmen der klassischen muğam xanənde Sänger nachzuahmen, führte dazu, dass er als der Mann mit "oxuyan barmaqlar" (singenden Fingern) bekannt wurde. Məmmədli inspiriert weiterhin neue Generationen von Gitarrist*innen, die in Aserbaidschan eine einzigartige Gitarrensubkultur und einen einzigartigen Gitarrenstil entwickeln.

Booty Carrell ist der DJ-Name des Vinyl-Liebhabers, Golden Pudel Resident- und outernationalen DJs Sebastian Reier. Carrell forscht in den Tiefen des Vinyl-Universums und taucht mit Vorliebe in die zweite Welle der musikalischen Globalisierung ein.

Yuriy Gurzhy wurde in der Ukraine geboren und lebt in Berlin. Er ist Musiker, Songwriter, DJ und Produzent und bekannt für seine Arbeit mit RotFront, Shtetl Superstars und The Disorientalists sowie für seine Partyreihen Russendisko, Born in UA und Disko Kosmopolit.

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Im Anschluss Gespräch mit Sebastian Reier aka Booty Carrell

Derdiyoklar

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Derdiyoklar or Derdiyoklar Ikilisi,1979 von Ali Ekber Aydoğan und İhsan Güvercin gegründet, war das wohl bedeutendste türkische Musikduo in Deutschland. Sie spielten Elektrosaz, Schlagzeug und speziell angefertigte Instrumente und entwickelten ihre eigene Musikrichtung: Disco-Folk. Ihre wahnwitzigen Live-Auftritte, ihr einzigartiger Stil und ihre antifaschistischen Texte machten sie in den türkischen Migrantengemeinden in Deutschland ungemein beliebt, und so waren sie in den 80er Jahren die gefragteste Hochzeitsband. Ihr ikonischer Ruhm ermutigte andere Bands, ihren Stil und ihre Musik zu imitieren. Die Sammelalben und Wiederveröffentlichungen der letzten Jahre machten sie einem weltweiten Publikum bekannt. Dennoch ist Derdiyoklar immer noch ein unbekanntes Juwel für die nicht-türkischsprachigen Zuhörer in Deutschland. In dieser Auftaktveranstaltung wird uns Sebastian Reier alias Booty Carrell auf eine Reise in Derdiyoklars psychedelischen Klangraum mitnehmen. 

Booty Carrell ist der DJ-Name des Vinyl-Liebhabers, Golden Pudel Resident- und outernationalen DJs Sebastian Reier. Carrell forscht in den Tiefen des Vinyl-Universums und taucht mit Vorliebe in die zweite Welle der musikalischen Globalisierung ein.

Live-Gespräch mit Florian Sievers und Pamela Owusu-Brenyah um 21:00

Im Anschluss Gespräch mit Pamela Owusu-Brenyah aka DJ Pam Bam und Florian Sievers

Amaarae

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In Nigeria und Ghana hat die musikzentrierte Alté-Bewegung in jüngster Zeit damit begonnen, die dominierende Afrobeats-/Afropop-/Afrofusion-Szene als Untergrund-/DIY-Pendant herauszufordern. Die ghanaisch-amerikanische Musikerin und Produzentin Amaarae gehört zu dieser aufregenden jungen Generation westafrikanischer Künstler, die ihre (queere) Identität durch Musik und Mode zum Ausdruck bringen, indem sie soziale Medien und visuelle Ästhetik nutzen, um mit ihrem Publikum in Kontakt zu treten – sei es innerhalb oder außerhalb ihrer sichtbaren Grenzen. Der Sound von Amaarae verbindet Neo-Soul und afrikanischen Pop und schafft eine alternative Version von zeitgenössischer afrikanischer Clubmusik mit Texten, die sich um alltägliche queere Intimität drehen.

Pamela Owusu-Brenyah ist Musikberaterin, Festivalorganisatorin und DJ, die sich für eine bessere Sichtbarkeit der zeitgenössischen afrikanischen Popkultur in Deutschland einsetzt. Mit ihrer Community-Plattform AFRO x POP bietet sie regelmäßig eine Musikfestbühne für aufstrebende Künstler der afrodeutschen Szene. Pamela, studierte Politikwissenschaftlerin, lebt in Berlin und hat familiäre Wurzeln in Ghana. Sie hat drei Jahre lang in Ghanas Hauptstadt Accra als DJ gearbeitet und pendelt seitdem zwischen den beiden musikalischen Welten hin und her.

Florian Sievers ist Journalist, Autor und Kurator, der alternative Geschichten aus afrikanischen Städten erzählt, in denen derzeit eine aufstrebende Mittelschicht – von Mode über Kunst bis hin zu vor allem Musik – hippe kulturelle Ausdrucksformen hervorbringt. Ursprünglich ausgebildeter Journalist für Politik und Wirtschaft, recherchiert Florian Sievers seine zukunftsweisenden Geschichten in Auseinandersetzung mit den lokalen urbanen Gemeinschaften. Ganz nebenbei ist Florian auch zum Hobbysammler alter Schallplatten aus Afrika geworden.

Online Event

Im Anschluss Gespräch mit Kornelia Binicewicz

Esmeray

In diesem Klangvortrag beleuchten wir das Leben und den musikalischen Werdegang von Esmeray, einer der interessantesten und ansprechendsten türkischen Sängerinnen. Obwohl Esmeray von einer älteren Generation in der Türkei geschätzt wird, ist sie einem internationalen Publikum weitgehend unbekannt. Obwohl die afro-türkische Künstlerin vor allem wegen ihres Hits "Gel Tezkere Gel" aus dem Jahr 1977 in Erinnerung bleibt, beleuchten ihr gesamtes musikalisches Vermächtnis und ihr kultureller Hintergrund viele Ebenen des türkischen Kulturerbes. Der Klangvortrag ist ein Versuch, Esmerays Musik, kulturelle Identität und ihren Einfluss auf die zeitgenössische türkische Gesellschaft vorzustellen.

Kornelia Binicewicz ist eine polnische Schallplattensammlerin und Kuratorin sowie DJ und Gründerin von "Ladies on Records", einem facettenreichen Projekt, das sich auf das musikalische Erbe von Frauen auf der ganzen Welt konzentriert und weibliche Musik der letzten Jahrzehnte präsentiert. Ihre Leidenschaft für die Musik weiblicher Akteure brachte sie in die Türkei, wo sie begann, die unentdeckte Welt der türkischen Frauenmusikszene zu erkunden. Im Laufe von fünf Jahren, in denen sie Schallplatten ausgrub und vergessene oder nicht anerkannte Sängerinnen in der Türkei kennenlernte, gelang es ihr auch, in die Archive alter türkischer Labels einzutauchen. Sie kuratierte die Sammelwerke "Turkish Ladies. Female Singers from Turkey 1973 - 1988" (Epic Istanbul) und "Uzelli Psychedelic Anadolu" (Uzelli), die beide auf Vinyl erschienen. Kornelia arbeitet derzeit an einem besonderen Projekt, das Sängerinnen aus der Türkei aus einem der Archive der türkischen Labels gewidmet ist.

Online Event

Im Anschluss Gespräch mit Oded Erez

Aris San

Als Aris San (geb. Aristeídis Seïsanás in Kalamata, Griechenland, 1940) 1957 in Israel ankam, war er nur ein namenloser griechischer Jugendlicher mit einer Gitarre. Als er 1969 das Land verließ, war er der erfolgreichste Musiker des Landes. Während seiner zwölf Jahre in Israel schaffte er es, nicht nur zu einer Ikone der Berühmtheit, des europäischen Chic und der musikalischen Mode zu werden, sondern auch zu einem Markennamen, der mit "Hochzeitsmusik", einem Arbeiterpublikum und Mizrahiyut ("Orientalischer Kultur" oder der Kultur der Juden des Nahen Ostens in Israel) assoziiert wird. San war ein Schlüsselakteur bei dem Aufstieg griechischer Musik – oder, genauer gesagt, des Konglomerats von Stilen, Klängen und Stereotypen, das dieser Begriff lose zusammenhält – von den verrauchten Räumen eines Einwanderercafés in Jaffa zu den prestigeträchtigsten Musikstätten Israels, den offiziellen Feiern zum Unabhängigkeitstag, dem nationalen Fernsehen und den Wohnungen führender Generäle und Politiker. In einer Ära, in der sich die Bouzouki weltweit als das Nationalinstrument Griechenlands etablierte, schwang San eine E-Gitarre als sein Soloinstrument. Durch den Einsatz von Bouzouki-Techniken und Melodieformeln schuf er einen einzigartigen, unverwechselbaren Klang, der sowohl an die Virtuosität der Bouzouki als auch an die der Rockgitarre erinnert. Auf diese und andere Weise gelang es seiner musikalischen Persönlichkeit, die beiden Fiktionen von der westlichen Moderne und der orientalischen Rückständigkeit zu durchkreuzen.

Ziel dieses Beitrags ist es, Sans Karriere als ein Fenster in die Aushandlungen kultureller Identitäten zu betrachten, die in den 1960er Jahren in Israel/Palästina (und im gesamten östlichen Mittelmeerraum) zwischen eurozentrischen nationalen Eliten und marginalisierten, oft mit orientalischen Geschmackskulturen assoziierten Gruppen stattfanden. Es wird Sans Karriere als Performer, Musiker, Clubmanager und Persönlichkeit des öffentlichen Lebens nicht nur um des Erzählens der Geschichte eines Individuums willen dargestellt: In all diesen Funktionen ermöglichte San die Entstehung von Mittelmeer-"Audiotopien": physische oder virtuelle klangliche Identifikationsräume, in denen musikalische Stereotypen von Ost und West sowohl mobilisiert als auch überwunden wurden und in denen ein ideales Mittelmeer skizziert wurde, das von Umm Kulthum bis zu mexikanischen Balladen alles umfasst.

Oded Erez (Fachbereich Musik, Bar-Ilan Universität) ist Dozent für populäre Musik und Filmmusik und arbeitet an der Schnittstelle von historischer Musikwissenschaft, Musikethnologie und Kulturwissenschaften. Seine Arbeit konzentriert sich auf die Beziehung zwischen Politik und Ästhetik, mit einem Schwerpunkt auf Musik in Israel und im Mittelmeerraum. Gegenwärtig arbeitet er an der Fertigstellung eines Buchmanuskripts über griechische Musik und ethnische Klassenpolitik in Israel.

Im Anschluss Gespräch mit Rahman Məmmədli und Mountains of Tongues

Rehman Memmedli und die Gitara-Musik

Die elektrische Gitarre - Gitara auf Aserbaidschanisch - betrat die Musikszene in Aserbaidschan zum ersten Mal in den 1960er Jahren, doch die Kultur, die ihr vorausging, ebnete den Weg für ihre Einführung. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts, während der Aufregung um den Ölboom an der kaspischen Küste, experimentierten aserbaidschanische Musiker*innen und Komponist*innen mit den Möglichkeiten, Traditionen, Genres und Stile zu vermischen.In Baku wurden in den ersten Musiktheatern einheimische Instrumente wie die Tar und die Kamantsche mit Orchestern europäischen Stils gemischt. Unter der sozialistischen Herrschaft erlebte diese Vermischung der Stile einen sprunghaften Aufschwung, der durch die neue sowjetische Infrastruktur von Konservatorien, Theatern, Rundfunk und Tonträgerindustrie gefördert wurde. In den 1960er Jahren begannen elektrische Gitarren aus der tschechoslowakischen Fabrik "Jolana" in den Kaukasus zu gelangen.Die besondere Konstruktion der tschechoslowakischen Gitarre entsprach zufälligerweise genau einigen der musikalischen Konventionen des Mugham; die Art und Weise, wie die Saiten zwischen Steg und Endzapfen der Hohlkörper-Elektrogitarre angehoben wurden, erlaubte es dem Spieler, die Saiten beim Spielen mit dem Handgelenk zu biegen und die Stimmung um Vierteltöne zu verändern, um den lokalen musikalischen Konventionen zu entsprechen. In den folgenden Jahrzehnten begannen Musiker im ganzen Land mit diesem Instrument zu experimentieren. Jeder Gitarrist brachte unterschiedliche regionale Stile, Repertoires und Spieltechniken in die Mischung ein. Rəhman Məmmədliaus Karabakh, ist eine der Legenden der Szene. Durch die Einführung von Verzerrungen in seinen Sound in den späten 1970er Jahren war Rəhman in der Lage, die härteren Töne einiger traditioneller Gesangsstile genau nachzubilden. Sein Stil war so originell, dass er den Spitznamen "oxuyan barmağı" erhielt, der mit den singenden Fingern. Andernorts experimentierten andere damit, das Instrument selbst zu verändern, Bünde hinzuzufügen, um das Spielen traditioneller Modi zu erleichtern, oder die Elektronik zu hacken, um neue Klänge zu erzeugen. Der Beitrag zeichnet die Entwicklung dieser musikalischen Subkultur nach und folgt dem Leben der Gitarristen von den Vororten der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku bis zu den ländlichen Dörfern von Borçalı (Kvemo Kartli) in Georgien. Anschließend spielt Rəhman Məmmədli ein Livestream-Konzert, direkt aus Aserbaidschan.

Rəhman Məmmədli wurde 1961 im Bezirk Füzüli von Qarabağ geboren und wuchs umgeben von der Musik dieser Region auf. Durch seine Verbundenheit mit der traditionellen Mugham- und Aşık-Musik ist es ihm gelungen, diese Genres durch neue und eigenständige Spieltechniken auf die E-Gitarre zu übertragen. Seine Fähigkeit, die Stimmen der klassischen muğam xanənde Sänger nachzuahmen, führte dazu, dass er als der Mann mit "oxuyan barmaqlar" (singenden Fingern) bekannt wurde. Məmmədli inspiriert weiterhin neue Generationen von Gitarrist*innen, die in Aserbaidschan eine einzigartige Gitarrensubkultur und einen einzigartigen Gitarrenstil entwickeln.

Mountains of Tongues (Ben Wheeler und Stefan Williamson-Fa) hat die letzten sieben Jahre damit verbracht, die Kaukasusregion zu bereisen, Aufnahmen zu machen und Beispiele weniger bekannter musikalischer Traditionen zu sammeln. Mit Hilfe von Ausschnitten aus ihren Feldaufnahmen, kombiniert mit Stücken aus einem persönlichen Archiv Langspielplatten, Tonbändern, CDs und VHS-Aufnahmen aus der ganzen Region, bieten ihre Live-Shows einen einzigartigen Einblick in die Klanglandschaften des Kaukasus. Ob Lo-Fi-Bootlegs aserbaidschanischer Gitarrist*innen, die Gesangsgymnastik der gurianischen Polyphonie, schmetternde jesidische Holzbläser bei einer Verlobungsparty, Auto-Tune dagestanischer Techno, kreisende tschetschenische Sufi-Rituale oder Vintage-Synthesizer von Yamaha, die Lieder in isolierten Sprachen begleiten - Mountains of Tongues präsentiert Musik an der Schnittstelle zwischen dem Modernen / Traditionellen, dem Partizipatorischen / Präsentativen und dem Heiligen / Säkularen.

Im Anschluss Gespräch mit Ekaterina Borisova und Yuriy Gurzhy

Yanka Dyagileva

Yana "Yanka" Dyagileva (1966 - 1991) ist eine bekannte russische Sängerin / Songwriterin. Sie wurde in Nowosibirsk (Sibirien) geboren und war nie im Showbusiness; war (und ist) aber eine echte Underground-Rock-Ikone in Russland. Basierend auf Punk, psychedelischem Rock und russischen Folk- und Poesietraditionen behandelten ihre Lieder Themen wie Verzweiflung, Depression und Nihilismus. Im Alter von 25 Jahren ertrank sie im Fluss Inja in der Nähe von Novosibirisk. Ihr Vermächtnis von mehr als 30 Liedern und wenigen Versen wurde in Russland erst nach ihrem Tod bekannt, doch diese Lieder werden von vielen Menschen innigst geliebt und vielfach gecovert – unter anderem von Massive Attack. Lieder, die voller Emotionen und echter Schönheit sind und jede Seele berühren.

Ekaterina Borisova ist Musikjournalistin in Sankt Petersburg, Russland. Seit Mitte der 80er Jahre schreibt sie Artikel über Rockmusik für russische Zeitschriften und Zeitungen. Gleichzeitig ist sie ein großer Fan von und hat sich ein tiefes Wissen über die russische Underground-Rock-Szene angeeignet. Sie ist auch Autorin mehrerer Bücher - darunter zwei Bücher über Yanka Dyagileva, die 1998 - 2005 herausgegeben und wieder aufgelegt wurden.

Yuriy Gurzhy wurde in der Ukraine geboren und lebt in Berlin. Er ist Musiker, Songwriter, DJ und Produzent und bekannt für seine Arbeit mit RotFront, Shtetl Superstars und The Disorientalists sowie für seine Partyreihen Russendisko, Born in UA und Disko Kosmopolit.