Über

SİNEMA TRANSTOPIA

Ab September 2020 startet bi'bak ein Kino-Experiment im Haus der Statistik.

SİNEMA TRANSTOPIA untersucht Kino als sozialen Diskursraum, als Ort des Austauschs und der Solidarität. SİNEMA TRANSTOPIA bringt diverse soziale Communities zusammen, verknüpft geographisch entfernte und nahe Orte, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und dezentriert einen eurozentristischen Blick durch transnationale, (post-)migrantische und postkoloniale Perspektiven. SİNEMA TRANSTOPIA ist eine Transtopie, ein Ort, an dem “grenzüberschreitende Bindungen und Verbindungen zusammenlaufen, neu interpretiert werden und sich zu Alltagskontexten verdichten” (Erol Yıldız).  Im Rahmen der Pioniernutzung der stadtpolitischen Initiative Haus der Statistik schlägt das Kino-Experiment eine Brücke zwischen urbaner Alltagspraxis und Film als alternative, verschiedene soziale Perspektiven verbindende Kunstform.

 

bi'bakino

bi’bakino ist ein kuratiertes Filmprogramm, das transnationalen Narrativen, Migrations- und Mobilitätsdiskursen im Film nachspürt und rund um die Filme differenzierte Diskussion und Perspektivwechsel anregen will. Dabei legt das Programm einen Schwerpunkt auf Filme, die aus dem außereuropäischen Raum stammen oder in Berlin noch nicht oder nicht oft gezeigt wurden, sowie Archivausgrabungen und Wiederentdeckungen. Im Anschluss an die Filmvorführungen finden moderierte Gespräche mit Filmemacher*innen und Expert*innen statt.

Die Veranstaltungsreihen können im Archiv abgerufen werden.

Reihen
bis

Kuratiert von Kaspar Aebi

mehr
Mit dem Haushalt rechnen!

Spätestens ab 1900 war Berlin der größte Industriestandort Deutschlands. Hinter der sichtbaren Arbeit in den Fabriken lag die unsichtbare Arbeit zuhause. Kochen, pflegen, putzen, erziehen, Sex - oder wie Silvia Federici und Nicole Cox 1975 zugespitzt schreiben: „Hausarbeit ist weitaus mehr als Hausreinigung. Sie besteht in der physischen, emotionalen und sexuellen Wartung der Lohnverdiener: darin, diese Lohnverdiener Tag für Tag auf die Arbeit vorzubereiten. Mit dem Haushalt rechnen! wirft einen Blick in die Wohnungen, Schlafzimmer und Küchen im industriell geprägten Nordwesten Berlins. Die Filme zeigen Care Work und Reproduktionsarbeit zwischen ökonomischem Zwang und Verweigerung, familiärer Gemeinschaft und Kontaktabbruch, Kindern und Kinderlosigkeit, Ehe, Scheidung und sozialem Rückzug, verwickelt in Abhängigkeiten, Widerstand und soziale Erwartungen. Der Fokus liegt auf den Umbruchsjahren der frühen sechziger bis in die achtziger Jahre. Nachdem die Industrie das Alltagsleben im Westberliner Norden fast ein Jahrhundert lang bestimmt hat, schlossen nach dem Bau der Mauer innerhalb von nur zwanzig Jahren die größten Arbeitgeber ihre Werke. Was passiert mit der „Wartung der Lohnverdiener” in einer Zeit großer Unsicherheit, zwischen Massenentlassung und Mauerbau, vor dem Hintergrund des aufkommenden Second Wave Feminismus?

Gefördert durch den Aktionsfonds des QM Soldinerstr

Kaspar Aebi ist Film- und Medienwissenschaftler, freier Kurator und Autor. Seine Schwerpunkte sind Popkultur, Architektur, Dokumentar- und Experimentalfilm.

Zu den Veranstaltungen

Zum Archiv

Veranstaltungen

Regie Helga Reidemeister BRD 1978

121 Min., OF

Von wegen “Schicksal”

„Im Übrigen ist das sowieso eine Schweinerei!” Nach zwanzig Jahren Ehe lässt sich Irene Rakowitz von ihrem Mann scheiden, der ein paar Stockwerke tiefer wohnt. Sie kämpft für Selbstbestimmung und schleudert ihrer Tochter entgegen: „Wir ziehen Kinder auf, wir führen einen riesen Haushalt, wir bedienen den Mann. Für nichts! Und wenn wir geschieden werden, dann ist null-komma-nichts! Wenn ich als Dienstmädchen geh, dann mache ich dieselbe Arbeit. Hier bin ich ein Dienstmädchen für nichts!” Helga Reidemeister, die als Sozialarbeiterin vor Ort im Märkischen Viertel arbeitete, bleibt verwickelt in die schwierige Suche nach Unabhängigkeit und steht Irene meistens solidarisch, manchmal aber auch antagonistisch gegenüber. Die Frage, die im Raum steht: „Gut, ich hab mich scheiden lassen, jetzt habe ich meine Freiheit. Was mache ich nun damit?”

Regie Rainer Werner Fassbinder BRD 1975

120 Min., OF

Im Anschluss Gespräch mit Bettina Köhler

Mutter Küster’s Fahrt zum Himmel

Einführung von Bettina Köhler

Nachdem ihr Ehemann als Reaktion auf die angekündigte Massenentlassung erst seinen Chef und dann sich selbst umbringt, wird „Mutter Küster“ von allen Seiten medienwirksam vereinnahmt. Sie wird vom Journalisten einer Illustrierten am Herd abgelichtet, beim Parteitag der DKP als „Fall aus der Praxis” inszeniert und von einer anarchistischen Gruppe als Identifikationsfigur zu einer Geiselnahme in die Zeitungsredaktion mitgenommen. Rainer Werner Fassbinders lose Adaption des proletarischen Stummfilms Mutter Krausens Fahrt ins Glück versetzt die Handlung vom roten Wedding der 1920er- ins bürgerliche Frankfurt der 70er-Jahre und damit in die Kulturkämpfe zwischen BILD, DKP und RAF. Eine Reflexion über die Aufmerksamkeitsökonomie von Geschlechterrollen zwischen den politischen Fronten der 70er-Jahre.

Danach: Überraschungsfilm!

Bettina Köhler ist Filmwissenschaftlerin und Public Historian. Zu ihren Forschungsinteressen gehört neben Visual History und Filmgeschichte vor allem die mediale Inszenierung von Geschichte im Film.

Regie Eberhard Fechner BRD 1969

62 Min., 16mm, OF

Nachrede auf Klara Heydebreck

Grüntaler Straße 59a, kleiner Aufgang: Hier wohnte 59 Jahre lang Klara Heydebreck, bis sie im März 1969 Selbstmord beging. Ausgehend von der Polizeimeldung beginnt eine Spurensuche nach einem Leben, das fragmentarisch bleibt. Aus Dokumenten des Nachlass und Gesprächen mit Verwandten und Nachbar*innen setzen sich die historischen, wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen einer Frau zusammen, die nicht den gängigen Erwartungen entsprechen wollte, die nie heiratete und deshalb als „sitzengebliebenes Fräulein“ verspottet wurde. Wenn am Ende aus einem nie abgeschickten Brief vorgelesen wird, bleibt vor allem Trauer: Einsamkeit kann sehr schön sein, wenn man von der lieben Mitwelt wieder einmal genug hat. Doch Mangelleiden an lebensnotwendigen Dingen ist eine Schikane des Teufels.”

Regie Sohrab Shahid Saless BRD 1975

111 Min., OF

Im Anschluss Gespräch mit Vivien Buchhorn

Reifezeit

Einführung von Vivien Buchhorn

Der neunjährige Michael isst Frühstück, geht zur Schule, lässt sich treiben und macht Besorgungen für die Nachbarin. Gemeinsam mit seiner alleinerziehenden Mutter, die als Prostituierte arbeitet, lebt er in einer kleinen Wohnung im Wedding. Die unterschiedlichen Tagesrhythmen gehen aneinander vorbei und werden nur durch das Ticken der Wanduhr zusammengehalten. In nüchternen Einstellungen zeigt der 1974 aus dem Iran emigrierte Regisseur Sohrab Shahid Saless den sich täglich wiederholenden Alltag des Jungen, bis er eines Tages mitbekommt, wie seine Mutter einen Freier empfängt.

Vivien Kristin Buchhorn ist Filmwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin. Ihr Forschungsinteresse gilt transnationalen Kinematografien und Kunstwerken sowie deren Archivierung. Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit ist sie als Kuratorin tätig, begleitet Filmprojekte und veröffentlicht regelmäßig Film- sowie Ausstellungskritiken. Sohrab Shahid Saless’ Filme beschäftigen sie seit der Gestaltung von Retrospektiven in Berlin und Teheran.