Über

SİNEMA TRANSTOPIA

Ab September 2020 startet bi'bak ein Kino-Experiment im Haus der Statistik.

SİNEMA TRANSTOPIA untersucht Kino als sozialen Diskursraum, als Ort des Austauschs und der Solidarität. SİNEMA TRANSTOPIA bringt diverse soziale Communities zusammen, verknüpft geographisch entfernte und nahe Orte, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und dezentriert einen eurozentristischen Blick durch transnationale, (post-)migrantische und postkoloniale Perspektiven. SİNEMA TRANSTOPIA ist eine Transtopie, ein Ort, an dem “grenzüberschreitende Bindungen und Verbindungen zusammenlaufen, neu interpretiert werden und sich zu Alltagskontexten verdichten” (Erol Yıldız).  Im Rahmen der Pioniernutzung der stadtpolitischen Initiative Haus der Statistik schlägt das Kino-Experiment eine Brücke zwischen urbaner Alltagspraxis und Film als alternative, verschiedene soziale Perspektiven verbindende Kunstform.

Gefördert durch den Haupstadtkulturfonds, die Conrad Stiftung und das Programm NEUSTART KULTUR

 

bi'bakino

bi’bakino ist ein kuratiertes Filmprogramm, das transnationalen Narrativen, Migrations- und Mobilitätsdiskursen im Film nachspürt und rund um die Filme differenzierte Diskussion und Perspektivwechsel anregen will. Dabei legt das Programm einen Schwerpunkt auf Filme, die aus dem außereuropäischen Raum stammen oder in Berlin noch nicht oder nicht oft gezeigt wurden, sowie Archivausgrabungen und Wiederentdeckungen. Im Anschluss an die Filmvorführungen finden moderierte Gespräche mit Filmemacher*innen und Expert*innen statt.

Die Veranstaltungsreihen können im Archiv abgerufen werden.

Reihen
bis

Kuratiert von Popo Fan, Tobias Hering, Malve Lippmann, Branka Pavlovic, Can Sungu, Sarnt Utamachote und Florian Wüst

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RESTART: SİNEMA

Die Schließung öffentlicher Orte während der Corona-Krise hat deutlich gemacht, dass sich die kollektive Erfahrung des Filmesehens im Kino nicht in die eigenen vier Wände verlagern lässt. Soziale Öffentlichkeit braucht die Kinos, in denen Filme gemeinsam gesehen werden können und diese Erfahrung mit anderen Menschen erleb- und vor allem diskutierbar wird. Denn Kino ist mehr als das Sehen von Filmen. Kino ist ein sozialer Diskursraum, ein Ort des Austausches und der Solidarität. Kino kann abseits von Kommerz und festgefahrenen Strukturen ein Raum sein, an dem Menschen der Filme wegen zusammenkommen, ein transtopischer Raum, der Zugänge öffnet, Diskussionen anregt, weiterbildet, bewegt, provoziert und ermutigt. Kinos sind Teil einer öffentlichen Stadtarchitektur und gleichzeitig in sich geschlossene Sehnsuchtsorte mit utopischem Charakter. Auf der großen Leinwand erschließen sich uns vielfältige Welten, in die wir durch die Filme eintauchen können. Kino kann so neuartige Verbindungen zwischen der Welt des Films und der Stadt schaffen. 

Mit diesen Überlegungen eröffnen wir am 3. September 2020 unser Kino-Experiment SİNEMA TRANSTOPIA imHaus der Statistik  mit der Reihe RESTART: SİNEMA. Für das Eröffnungsprogramm haben wir uns mit verschiedenen Kurator*innen zusammengeschlossen, um eine Reihe mit Filmen zu gestalten, die das Kino als einzigartigen sozialen und ästhetischen Raum reflektieren.

Seit fünf Jahren veranstaltet bi’bak das Filmprogramm bi‘bakino, das transnationalen, postkolonialen und (post)-migratischen Perspektiven einen Raum gibt und damit lokales Geschehen zu globalen Entwicklungen ins Verhältnis setzt. Die Praxis von bi’bak hat gezeigt, dass das Kino als sozialer Begegnungsraum, der unterschiedliche Communities und ästhetische Herangehensweisen zusammenbringt, nicht an Bedeutung verloren hat. Ebenfalls gibt die Initiative Haus der Statistik Impulse, um aus dem ehemaligen DDR-Verwaltungsgebäude einen gemeinschaftlichen Ort zu machen, der Kultur, Soziales, Bildung und integriertes Wohnen miteinander verbindet. Daher hat unser mit Austausch und Partizipation engagiertes Kino in der Pioniernutzung des Haus der Statistik einen idealen Standort gefunden. 

Gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds

Kuratiert von Popo Fan, Tobias Hering, Malve Lippmann, Branka Pavlović, Can Sungu,  Sarnt Utamachote und Florian Wüst 

Branka Pavlovic studierte Film-und Fernsehen an der Universität Belgrad und schloss 2009 mit dem Master im Institut für Kunst im Kontext an der UdK Berlin ab. Seit 2009 leitet sie als Programmdirektorin das Human Rights Film Festival Free Zone in Belgrad. Als Stipendiatin entwickelte sie an der nGbK Berlin das Kunstvermittlungsprogramm und führt als freie Kunstvermittlerin und Workshopleiterin u.a. an der FU Berlin zahlreiche Seminare und Workshops durch.

Florian Wüst lebt als freischaffender Filmkurator, Künstler und Verleger in Berlin. Er ist Mitgründer der Berliner Hefte zu Geschichte und Gegenwart der Stadt und war von 2016 bis 2020 Film- und Videokurator der transmediale.

Popo Fan,  geboren 1985, ist ein in Berlin lebender Filmemacher, Kurator und Autor aus der chinesischen Diaspora. Zu seinen Filmen gehören queere aktivistische Dokumentarfilme und sex-positive Kurzfilme. Seit mehr als einem Jahrzehnt organisiert er das Beijing Queer Film Festival und gründete das Queer University Video Training Camp in China. Im Jahr 2019 kuratierte er bei bi'bak die Filmreihe "More Than A Midnight Rainbow" über in China produzierte und chinesischsprachige queere Filme.

Sarnt Utamachote ist ein Filmemacher, Fotograf und Kurator. Er ist Mitgründer von un.thai.tled, einem Künstler*innen-Kollektiv aus der deutschen Thai-Diaspora, mit dem er das un.thai.tled Film Festival Berlin und Beyond the kitchen: Stories of Thai Park kuratierte. Seine Videoinstallation I Am Not Your Mother (2020) wurde am International Film Festival Rotterdam ausgestellt.

Tobias Hering ist freier Filmkurator und Journalist und hat bei bi'bak zuletzt das Programm Freundschaft auf Zeit (2019) zu Vertragsarbeit und Internationalismus in der DDR vorgestellt. Er ist derzeit verantwortlich für das Archivprojekt re-selected der Kurzfilmtage Oberhausen. In diesem Rahmen recherchiert er u.a. zu Amos Vogels Arbeit als USA-Korrespondent der Kurzfilmtage in den 60er Jahren.

Zu den Veranstaltungen

bis

Critical Conditions

Handlungsfelder in der Umweltkrise

Kuratiert von Sarnt Utamachote, Malve Lippmann, Rosalia Namsai Engchuan und Pia Chakraverti-Würthwein & Eirini Fountedaki

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Veranstaltungen

Regie Suhaib Gasmelbari Chad / Frankreich / Deutschland / Qatar / Sudan 2018

94 min., OmeU

Talking about Trees

Als sich Umar al-Bashir mit seinem islamistischen “Revolutionären Kommandorat zur Errettung der Nation” (RCC) 1989 an die Macht putschte, mussten alle Kinos im Sudan schließen. Er blieb 30 Jahre autoritär regierender Präsident und wurde im April 2019 nach Protesten gestürzt. Nur zwei Monate zuvor feierte Talking about Trees Premiere. Der Film zeigt vier ältere Männer, Veteranen des sudanesischen Kinos und Mitglieder des 1989 gegründeten Sudanese Film Club, beim unermüdlichen Versuch, ein Open-Air-Kino wieder aufzubauen. Mit viel Witz und lakonischem Humor restaurieren sie Filme und renovieren Wände, sitzen zusammen und kämpfen gegen die widerstrebende Verwaltung.

Regie Emek Bizim İstanbul Bizim initiative Türkei 2016

48 min., OmeU

Im Anschluss Gespräch mit Can Sungu, Zeyno Pekünlü und Fırat Yücel

Audience Emancipated - The Struggle for the Emek Movie Theater

Der geplante Abriss des Emek-Kino in Istanbul führte zu jahrelangen Protesten. Diese Protestbewegung, die von den Aktivist*innen mit Handyaufnahmen dokumentiert wurde, war ein erster Impuls für die Gezi-Proteste. Durch die Proteste entstand eine neue Öffentlichkeit, die sich auf der Straße und über das Internet organisierte, mit Live-Videos und Tweets die Geschehnisse dokumentierte und eine unabhängige Berichterstattung ermöglichte. Audience Emancipated trägt dieser sich ständig im Prozess befindenden “Berichterstattung von unten” Rechnung: „This film is an ongoing project by Emek Bizim İstanbul Bizim. As long as the struggle continues, the film’s editing will continue“, heisst es im Abspann des Films darunter die E-Mail-Adresse des Kollektivs. Filmaufnahmen der Protestierenden, TV-Berichterstattung und das Geschehen kommentierende Filmclips werden im Verlauf des Films immer wieder neu gegeneinander gestellt: Aus der Gegenüberstellung von zwei Bildern entsteht ein dritter, vierter oder fünfter Gedanke und eine Vielzahl pointierter politischer Argumente. Selten ging aktivistisches Filmemachen so klug und auf der Höhe der Zeit mit filmischen Mitteln um.

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Zeyno Pekünlü ist eine in Istanbul lebende Künstlerin und leitet das Produktions- und Forschungsprogramm der Istanbul Biennial (ÇAP) für junge Künstler*innen und Forscher*innen. Sie ist Mitglied des Institute of Radical Imagination und der Redaktion von Red Thread und Teil der Emek Bizim İstanbul Bizim initiative.

Fırat Yücel ist Filmkritiker und Filmemacher. Er war Mitbegründer und bis 2019 Chefredakteur der unabhängigen Filmzeitschrift Altyazı. Zur Zeit ist er Redakteur von Altyazı Fasikül: Free Cinema, Altyazı’s Beilage mit Fokus auf Kunstfreiheit. Seine filmische Arbeit umfasst Only Blockbusters Left Alive (2016), Welcome Lenin (2016), Audience Emancipated (2016) und CemileSezgin (2020). Er ist Teil der Initiative Emek Bizim İstanbul Bizim.

Regie Tsai Ming-Liang Taiwan 2003

82 min., OmeU

Im Anschluss Gespräch mit Yun-hua Chen und Popo Fan

Goodbye Dragon Inn

“In diesem Kino gibt es Gespenster! Da sind Gespenster!” sagt Chen Chao-jung zu dem japanischen Touristen Kiyonobu Mitamura, der kein Wort zu verstehen scheint. Inmitten von fließendem Wasser, leerem Raum und einsamen Seelen zeigt Tsai Ming-Liangs Spielfilm Goodbye Dragon Inn (2003) den letzten Abend eines alten Kinos in Taipeh, in dem der Wuxia-Klassiker Dragon Inn (1967) vorgeführt wird. Goodbye Dragon Inn ist ein Film über Erinnerung und Zeit, der in der Vergangenheit des Kinos nach Utopie und Hoffnung für die Zukunft sucht. Die Pandemie im Jahr 2020 hat die Filmindustrie schwer getroffen und die Kinos mussten fast ein halbes Jahr lang schließen. Zufälligerweise litt die Welt während der Veröffentlichung dieses Films im Jahr 2003 unter dem SARS-Virus, einem früheren Stamm des Coronavirus. Anscheinend suchen die Gespenster das Kino noch bis heute heim.

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Yun-hua Chen ist promovierte Filmwissenschaftlerin, Kritikerin und Kuratorin. Ihre Monografie Mosaic Space and Mosaic Auteurs ist beim Neofelis Verlag in Berlin erschienen. Sie arbeitete als Festivaldirektorin des 26. dokumentART Film Festival in Neubrandenburg sowie als Jurymitglied von Fipresci und des Critics’ Award for Arab Films.

Popo Fan,  geboren 1985, ist ein in Berlin lebender Filmemacher, Kurator und Autor aus der chinesischen Diaspora. Zu seinen Filmen gehören queere aktivistische Dokumentarfilme und sex-positive Kurzfilme. Seit mehr als einem Jahrzehnt organisiert er das Beijing Queer Film Festival und gründete das Queer University Video Training Camp in China. Im Jahr 2019 kuratierte er bei bi'bak die Filmreihe "More Than A Midnight Rainbow" über in China produzierte und chinesischsprachige queere Filme.

OmeU

Im Anschluss Gespräch mit Sarnt Utamachote und Thaiddhi

KURZFILMPROGRAMM

Por Primera Vez
For the First Time 
Octavio Cortázar, Kuba 1967, 10 min.

Kino Otok
Islands of Forgotten Cinemas
Ivan Ramljak, Kroatien 2016, 35 min.
Im Anschluss an das Screening Branka Pavlović im Gespräch mit Ivan Ramljak

Шильде
July
Darezhan Omirbayev, UdSSR 1988, 25 min.

Love in Cinema
Swan Yaung Ni, Myanmar 2016, 18 min.
Im Anschluss an das Screening Sarnt Utamachote im Gespräch mit Thaiddhi

Das Kurzfilmprogramm schlägt einen Bogen von heute bis zurück in die 1960er Jahre und zeigt die globale und historische Vielfalt von Kinokultur. Por Primavera Vez zeigt ein mobiles Kino in Kuba, das Charlie Chaplin’s Modern Times (1936) in ländliche Gebiete bringt. Die Menschen vor Ort, von denen viele noch nie einen Film gesehen haben, erzählen von ihren Erwartungen: “Ich stelle es mir wie eine Party vor. Ein Tanz oder so ähnlich. Ich habe noch nie einen gesehen, ich kann dir nicht sagen, was es ist.” Auch Шильде (July) führt in ein abgelegenes Kino auf dem Land: In ruhigen Einstellungen, die die Weite der kasachischen Steppe ausloten, versuchen zwei Jungen Geld für einen Kinobesuch aufzutreiben. Love in Cinema folgt einem alten Mann in das Kino, in dem seine verstorbene Frau gearbeitet hat. Die Erinnerungen an seine Frau und das Kino verbinden sich mit der Geschichte von Myanmar. Kino Otok erzählt die Geschichte eines Verlustes. Poetische Bilder zeigen die architektonischen Strukturen ehemaliger Inselkinos in Kroatien, die heute als Schießstand oder für Yogakurse genutzt werden. Auf der Tonspur hört man, wie sich die Bewohner*innen der Inseln an ihre Filmerlebnisse erinnern.

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Sarnt Utamachote ist ein Filmemacher, Fotograf und Kurator. Er ist Mitgründer von un.thai.tled, einem Künstler*innen-Kollektiv aus der deutschen Thai-Diaspora, mit dem er das un.thai.tled Film Festival Berlin und Beyond the kitchen: Stories of Thai Park kuratierte. Seine Videoinstallation I Am Not Your Mother (2020) wurde am International Film Festival Rotterdam ausgestellt.

Thaiddhi ist Filmemacher, Produzent und Kameramann. Sein erster Kurzfilm Awake gewann den Preis für den besten Kurzfilm beim FAMU Fest 2009. Night (2017) unter der Regie von Htoo Paing Zaw Oo war sein erster Langfilm als Kameramann. 2018 war er Jurymitglied und 2019 Mitglied der Auswahlkommission des SeaShorts Film Festival, Malaysia.

OmeU

Im Anschluss Gespräch mit Tobias Hering und Stefanie Schulte Strathaus

Suzan Pitt / Amos Vogel

Jefferson Circus Songs
Suzan Pitt, USA 1976, 16 min., 16mm

Asparagus
Suzan Pitt, USA 1979, 19 min.

Amos Vogel war ein Pionier der unabhängigen New Yorker Film- und Kinoszene. Noch heute bietet sein Hauptwerk Film as subversive Art (1974) eine lesenswerte Querlektüre der Filmgeschichte als Geschichte einer fortgesetzten Auflehnung. Auf Deutsch erschien das Buch unter dem etwas reißerischen Titel “Kino wider die Tabus”, der jedoch ein zentrales Anliegen Vogels traf: Tabus, Zensur und Bigotterie sind einer freien Gesellschaft unwürdig, und das Kino muss als ein Ort der individuellen und gesellschaftlichen Emanzipation geschätzt und geschützt werden. Zwei Filme der Animationskünstlerin Suzan Pitt, Jefferson Circus Songs und Asparagus, bilden den Rahmen für ein Gespräch über Vogels Kinovision mit Stefanie Schulte Strathaus, deren eigene Arbeit im Kino Arsenal durch die Freundschaft mit Vogel nachhaltig geprägt wurde.

Im Rahmen von re-selected, einem Projekt der Kurzfilmtage Oberhausen in Zusammenarbeit mit dem Arsenal - Institut für Film und Videokunst im Rahmen von “Archive außer sich”.

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Tobias Hering ist freier Filmkurator und Journalist und hat bei bi'bak zuletzt das Programm Freundschaft auf Zeit (2019) zu Vertragsarbeit und Internationalismus in der DDR vorgestellt. Er ist derzeit verantwortlich für das Archivprojekt re-selected der Kurzfilmtage Oberhausen. In diesem Rahmen recherchiert er u.a. zu Amos Vogels Arbeit als USA-Korrespondent der Kurzfilmtage in den 60er Jahren.

Stefanie Schulte Strathaus ist Filmkuratorin und Ko-Direktorin des Arsenal - Institut für Film- und Videokunst sowie Leiterin des Berlinale-Programms Forum Expanded. Von 2001-2019 war sie Mitglied des Auswahlkomitees des Berlinale Forums. Von 2010-2013 konzipierte und leitete sie das Projekt „Living Archive – Archivarbeit als künstlerische und kuratorische Praxis der Gegenwart“. Schulte Strathaus ist Mit-Initiatorin des silent green-Projekts „Film Feld Forschung“ sowie Mitglied der Institutsräte Harun Farocki Institut, Masterprogramm Film Culture an der University in Jos/Nigeria und NAAS | Network of Arab Alternative Screens.

Regie Florian Heinzen-Ziob und Georg Heinzen Deutschland 2015

95 min., OmeU

Im Anschluss Gespräch mit Malve Lippmann, Florian Heinzen-Ziob und Georg Heinzen

Original Copy

Das Kino Alfred Talkies liegt mitten in Mumbai in einem alten Kolonialstilhaus. Großflächig gemalte Plakate und ein ausladender Saal mit unzähligen Deckenventilatoren locken die Zuschauer*innen vorbei am uniformierten Sicherheitsmann, wo sie bei Actionfilmen Ablenkung vom Alltag finden. Original Copy zeigt das Kino und seine Mitarbeiter*innen als familiäres Ensemble mit strikter Arbeitsteilung. Dabei fokussiert der Film vor allem auf den kettenrauchenden Plakatmaler Sheikh Rahman: Als Mischung aus Trickster und Altem Meister herrscht er seine Helfer an, gibt Lebenstipps und erzählt Witze, während vor unseren Augen langsam ein Gemälde entsteht und im Hintergrund die Bollywood-Soundtracks dröhnen.

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Florian Heinzen-Ziob drehte mit Original Copy seinen ersten abendfüllenden Dokumentarfilm, der 2015 Weltpremiere auf dem Hot Docs Film Festival feierte und unter anderem auf dem Rotterdam International Film Festival lief. Sein Kurzfilm Zu Ihrer eigenen Sicherheit feierte 2016 auf dem Tribeca Filmfestival und sein zweiter abendfüllender Dokumentarfilm Klasse Deutsch 2018 auf dem Sheffield Doc/Fest Weltpremiere. Er ist Mitinhaber der unabhängigen Produktionsfirma Polyphem.

Georg Heinzen studierte Germanistik und Geschichte an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf und Filmdramaturgie an der HFF in München. Als freier Autor schreibt er Drehbücher für Kino und Fernsehen, Romane und Theaterstücke. 2011 lebte er als Artist in Residence der Kunststiftung NRW in Mumbai, Indien. Dort übernahm er Lehraufträge für die Whistling Woods Filmschool Mumbai und das Film- and Television Institute of India in Puna. Er ist Mitinhaber der unabhängigen Produktionsfirma Polyphem.

Regie Senka Domanović Serbien / Kroatien 2018

87 Min., OmeU

Im Anschluss Gespräch mit Branka Pavlovic und Senka Domanović

Occupied Cinema

Occupied Cinema ist ein beobachtender Dokumentarfilm, der die Besetzung des Kinos Zvezda in Belgrad begleitet, eines der 14 Kinos, die einst dem jugoslawischen Staat gehörten und dann an einen Privatinvestor verkauft wurden. Senka Domanović ist Zeugin dieser einzigartigen Allianz von Künstler*innen, Aktivist*innen und ehemaligen Mitarbeiter*innen des Kinos, die für einen gemeinsamen Traum zusammengekommen sind. Aber kollektiver Aktivismus hat seine Tücken. In den Worten der Regisseurin: ”Die Besetzung des Kinos war eine Gelegenheit für die Menschen, zusammenzukommen, sich selbst zu organisieren und eine in sich geschlossene Mikroökonomie zu verwalten, die Marktlogik im Wesentlichen zu umgehen und sich vom ideologischen Apparat des Staates zu lösen. Einen Moment später brach alles zusammen.”

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Branka Pavlovic studierte Film-und Fernsehen an der Universität Belgrad und schloss 2009 mit dem Master im Institut für Kunst im Kontext an der UdK Berlin ab. Seit 2009 leitet sie als Programmdirektorin das Human Rights Film Festival Free Zone in Belgrad. Als Stipendiatin entwickelte sie an der nGbK Berlin das Kunstvermittlungsprogramm und führt als freie Kunstvermittlerin und Workshopleiterin u.a. an der FU Berlin zahlreiche Seminare und Workshops durch.

Senka Domanović ist Filmemacherin und politische Aktivistin. Sie studierte Journalismus an der Fakultät für Politikwissenschaften in Belgrad und absolvierte parallel dazu die Filmhochschule. 2007 veröffentlichte sie ihren ersten Kurzfilm Arizona. Von 2014 bis 2015 arbeitete sie als Programmdirektorin des Belgrade Documentary and Short Film Festival. Occupied Cinema (2018) ist ihr erster Langfilm.

Regie Ignacio Agüero Chile 1988

56 Min., OmeU

Im Anschluss Gespräch mit Dominga Sotomayor und Florian Wüst

Cien niños esperando un tren

Über 20 Wochen fährt Alicia Vega jeden Samstag in eines der Armenviertel von Santiago, Lo Hermida, um eine Filmwerkstatt für Kinder durchzuführen. Viele der Kinder waren noch nie in einem Kino. Sie lernen die Techniken kennen, die der Erfindung des Kinos vorausgingen, sehen Filme der Brüder Lumière und von Charlie Chaplin und gestalten ihre eigenen Filme. Ignacio Agüero dokumentiert nicht nur Vegas beeindruckende Arbeit, sondern veranschaulicht auf poetische Weise die zwischen Fantasie und Wirklichkeit changierende Kraft des Kinos vor dem Hintergrund des Endes der Pinochet-Diktatur in Chile.

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Dominga Sotomayor (*1985, Santiago de Chile) ist Regisseurin, Autorin und Produzentin, Mitbegründerin von CINESTACIóN und künstlerische Leiterin des CCC Centro de Cine y Creación. Ihr erster Spielfilm Thursday till Sunday (2012) gewann den Tiger Award beim Rotterdam Film Festival. 2015 feierte sie mit Mar (2014) im Forum der Berlinale Premiere. Für Too Late To Die Young (2018) erhielt sie als erste Frau einen Leoparden für beste Regie beim Filmfestival Locarno. Derzeit ist sie Visitor Professor am Harvard Art, Film and Visual Studies Department.

Florian Wüst lebt als freischaffender Filmkurator, Künstler und Verleger in Berlin. Er ist Mitgründer der Berliner Hefte zu Geschichte und Gegenwart der Stadt und war von 2016 bis 2020 Film- und Videokurator der transmediale.

Regie Ehsan Khoshbakht Iran / Großbritannien 2019

84 Min., OmeU

Im Anschluss Gespräch mit Can Sungu und Ehsan Khoshbakht

Filmfarsi

“Der Film wurde gestoppt und jemand sagte, das Kino brennt.” 1979 steckten Islamisten das Kino Rex in Abadan in Brand und läuteten damit einen Wendepunkt der Islamischen Revolution und das Ende des iranischen Nachkriegskinos ein – 422 Menschen starben. “Filmfarsi” ist eine Bezeichnung für die populären iranischen Low-Budget-Filme, die damit zu ihrem Ende kamen: Hybride aus recyceltem und neu codiertem Genrekino, weder ganz Film, noch ganz Farsi. In seiner Archäologie von VHS-Bootlegs begibt sich Eshan Khoshbakht auf die Suche nach dem kollektiven Unterbewussten einer “Nation mit gespaltener Persönlichkeit” und gräbt Sedimente aus Machismo und Homoerotik, “Madonnen” und “Huren”, Klassenkonflikten, Liebe, Sex und Gewalt aus.

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Ehsan Khoshbakht ist ein in London lebender iranischer Dokumentarfilmer, Filmkurator und Autor. Er ist Co-Direktor von Il Cinema Ritrovato in Bologna, Italien. Er führte Regie bei kurzen Dokumentarfilmen, die thematisch von Duke Ellington im Nahen Osten bis hin zu expressionistischer Architektur und Kino reichen. Ursprünglich ein ausgebildeter Architekt, hat er zahlreiche Bücher über Film verfasst und herausgegeben.