Über

SİNEMA TRANSTOPIA

Ab September 2020 startet bi'bak ein Kino-Experiment im Haus der Statistik.

SİNEMA TRANSTOPIA untersucht Kino als sozialen Diskursraum, als Ort des Austauschs und der Solidarität. SİNEMA TRANSTOPIA bringt diverse soziale Communities zusammen, verknüpft geographisch entfernte und nahe Orte, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und dezentriert einen eurozentristischen Blick durch transnationale, (post-)migrantische und postkoloniale Perspektiven. SİNEMA TRANSTOPIA ist eine Transtopie, ein Ort, an dem “grenzüberschreitende Bindungen und Verbindungen zusammenlaufen, neu interpretiert werden und sich zu Alltagskontexten verdichten” (Erol Yıldız).  Im Rahmen der Pioniernutzung der stadtpolitischen Initiative Haus der Statistik schlägt das Kino-Experiment eine Brücke zwischen urbaner Alltagspraxis und Film als alternative, verschiedene soziale Perspektiven verbindende Kunstform.

Gefördert durch den Haupstadtkulturfonds, die Conrad Stiftung und das Programm NEUSTART KULTUR

 

bi'bakino

bi’bakino ist ein kuratiertes Filmprogramm, das transnationalen Narrativen, Migrations- und Mobilitätsdiskursen im Film nachspürt und rund um die Filme differenzierte Diskussion und Perspektivwechsel anregen will. Dabei legt das Programm einen Schwerpunkt auf Filme, die aus dem außereuropäischen Raum stammen oder in Berlin noch nicht oder nicht oft gezeigt wurden, sowie Archivausgrabungen und Wiederentdeckungen. Im Anschluss an die Filmvorführungen finden moderierte Gespräche mit Filmemacher*innen und Expert*innen statt.

Die Veranstaltungsreihen können im Archiv abgerufen werden.

Reihen
bis

SİNEMANINO

Das Kinderprogramm von SİNEMA TRANSTOPIA

Konzept von Malve Lippmann und Dr. Martin Ganguly

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Common Cold

un.thai.tled Film Festival 2021

Kuratiert von Sarnt Utamachote und Rosalia Namsai Engchuan

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Sounding Womanhood

Feminist Gestures in Film

Kuratiert von Pia Chakraverti-Würthwein & Eirini Fountedaki

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Die fünfte Wand

Archivsichtungen mit Filmen von Navina Sundaram

Kuratiert von Merle Kröger und Mareike Bernien

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Die fünfte Wand

ARD, ein Sonntagabend Mitte der 1970er Jahre, gegen 19 Uhr: „Guten Abend, meine sehr verehrten Damen und Herren, ich begrüße Sie zur heutigen Ausgabe des Weltspiegel.“ Der Name der Moderatorin: Navina Sundaram. Eine Inderin im deutschen Fernsehen? Als politische Redakteurin und Auslandskorrespondentin womöglich? Unvorstellbar! Wie lesen sich 50 Jahre bundesdeutsche Zeitgeschichte durch die Augen einer Frau, die sich in einer von Männern und deutscher Mehrheitsgesellschaft dominierten Öffentlichkeit ihre Sichtbarkeit im doppelten Sinne erkämpfen musste? Die sich bis heute standhaft verweigert, sich für eine einzige Heimat, eine einzige Identität zu entscheiden? Und die dennoch für sich das Recht beansprucht hat: “gekommen, um zu bleiben”? Aufgewachsen in New Delhi, seit 1970 als Filmemacherin, Reisekorrespondentin und Moderatorin tätig. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, schreibt, mischt sich ein. Die fünfte Wand stellt die innenpolitischen Fernsehbeiträge Navina Sundarams aus den Jahren 1973 bis 1983 erstmals dem Berliner Publikum vor. Sundarams Blickpunkt einzunehmen, ihre Reportagen, Beiträge und Moderationen ins Zentrum zu stellen, heißt gleichzeitig von Innen und Außen auf bundesdeutsche Fernsehgeschichte zu schauen. Dabei steht sie im Zentrum als eine Autorin, die journalistisch Position bezieht: zu Internationalismus und Dekolonisierung, Klassenfrage, Rassismus, Einwanderung, zu indischer und bundesdeutscher Politik. Ergänzt werden die Filme durch Dokumente, Kommentare und weitere Fundstücke aus dem Archiv. Natürlich immer Sonntag abends, um 19 Uhr.

Gefördert durch die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa und in Kooperation mit dem Projekt Archive außer sich des Arsenal – Institut für Film und Videokunst und der Bundeszentrale für politische Bildung

Navina Sundaram wächst auf in Neu-Delhi, Indien, wo sie Englische Literatur studiert, bevor sie 1964 für eine zweijährige Ausbildung zum NDR nach Hamburg kommt. Ab 1970 arbeitet sie als politische Redakteurin für die Sendeanstalt. Sie ist als Filmemacherin, Reporterin und Moderatorin u.a. für die Sendungen Weltspiegel, Gesichter Asiens, Panorama und Extra Drei tätig. Von 1992-93 ist sie ARD-Korrespondentin und Leiterin des Fernsehstudios Südasien in Neu-Delhi. Nach Ende ihrer Tätigkeit für den NDR setzt Navina Sundaram ihre Arbeit als unabhängige Regisseurin von Dokumentarfilmen fort. Sie ist weiterhin Autorin zahlreicher Texte und Vorträge.

Mareike Bernien lebt in Berlin und arbeitet als Filmemacherin und Lehrende im Bereich filmischer Forschung und kritischer Archivpraxen. Dabei bestimmt eine recherchebasierte Haltung ihre Arbeiten, in denen erinnerungspolitische und medienarchäologische Fragen verhandelt werden. Zu ihren letzten Arbeiten gehören: Die Sonne liegt im Erdinnern (2021), Tiefenschärfe (2017) mit Alex Gerbaulet. Seit mehreren Jahren ist sie Teil der Produktionsplattform pong und arbeitet hier u.a. zusammen mit Merle Kröger an dem Archivprojekt Die fünfte Wand.

Merle Kröger lebt als Roman- und Filmautorin in Berlin. Gemeinsam mit dem Filmemacher Philip Scheffner entstehen ab 2007 dokumentarische Kinofilme. In ihren Romanen verbindet Kröger historische Recherche, persönliche Geschichte und politische Analyse mit Elementen der Kriminalliteratur. Als Kuratorin des transnationalen Kulturprojektes “Import Export. Kulturtransfer zwischen Indien und Deutschland, Österreich” (2005) beginnt sie eine langjährige Zusammenarbeit mit Navina Sundaram.

Zu den Veranstaltungen

Zum Archiv

Veranstaltungen

Regie Navina Sundaram BRD 1973

42 Min., OmeU

Darshan Singh will in Leverkusen bleiben

Mit einemKommentar von Philip Scheffner und einem Ausschnitt aus From Here to Here (Madhusree Dutta/Philip Scheffner, Indien/Deutschland 2005, mit Navina Sundaram)
​​Im Anschluss gemeinsame Diskussion mit Mareike Bernien und Merle Kröger

Sundaram begleitet die Familien da Couhna und Singh, die aus Uganda über Großbritannien in die BRD gekommen sind, in der Tradition des Cinema Vérité als teilnehmende Beobachterin in ihr neues Leben in Unna und Leverkusen. Den Familien wird mit viel Solidarität und Neugier begegnet, aber auch rassistische Vorurteile und Konflikte treten auf. Sundaram wagt sich weit in die Konfliktzonen vor: Ehemalige Aussiedlerinnen hetzen gegen die asiatischen Familien in der Nachbarschaft, die wiederum gegen ihre ehemaligen Landsleute in Afrika. Am Ende erhalten in diesem Film alle eine Stimme, es entsteht ein Plädoyer für das Miteinander in einem Einwanderungsland. 

Philip Scheffner arbeitet als Filmemacher und Klangkünstler in Berlin. 2001 gründete er mit Merle Kröger die Produktionsfirma pong. Seine Filme wurden auf zahlreichen Festivals gezeigt und mehrfach ausgezeichnet.

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Regie Navina Sundaram

OmeU

Wenn die Begrüßungsreden verklingen + Zweierlei Asylrecht

​​Im Anschluss gemeinsame Diskussion mit Kien Nghi Ha, Mareike Bernien und Merle Kröger

Wenn die Begrüßungsreden verklingen
Navina Sundaram, BRD 1979, 44 Min.

Zweierlei Asylrecht
Navina Sundaram, BRD 1979, 10 Min.

Wenn die Begrüßungsreden verklingen beginnt mit der Ankunft einer Gruppe von “boat people” in Frankfurt - Geflüchtete aus Vietnam, die eine neue Heimat in der Bundesrepublik finden sollen. Navina Sundaram begleitet mehrere Familien und Gruppen in unterschiedlichen Stadien der staatlich geregelten Integration: 3-Stufen-Pläne für “Kontingentflüchtlinge”, ehrenamtliche Stadtführungen mit beflissenen Einheimischen, Deutschkurse, Wohnprogramme und begleitende Sozialarbeit. Der Film wirft einen kritischen Blick auf den Umgang mit Migrant*innen, die “politisch gut zu vermarkten” sind: “Liebsame antikommunistische Asylanten” heißt es sarkastisch im Kommentar über die Menschen, die höflich und geduldig die Gönnerhaftigkeit und Bevormundung gutmeinender Bürger*innen ertragen. Eindrücklich endet der Film mit dem Beispiel der jungen Hoan, die zwischen vietnamesischer Tradition und deutscher Gegenwart, zwischen Loyalität und Emanzipation nach einer eigenen Identität sucht. Zweierlei Asylrecht ist der erste von vier Beiträgen von Navina Sundaram für das Magazin Panorama, die um die Themen Asylrecht und Rassismus in der Bundesrepublik kreisen. Amnesty International betreut “Kontigentflüchtlinge” kurdischer Herkunft aus dem Irak, die theoretisch den gleichen Status haben wie Geflüchtete aus Vietnam. Für die Kurd*innen jedoch bleiben Begrüßungsreden von staatlicher Seite aus, sie sind auf individuelle Hilfe und Unterstützung angewiesen. Am Schluss steht das Plädoyer, der Artikel 16 des Grundgesetzes müsse für alle Geflüchteten gleichermaßen gelten: Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.

Kien Nghi Ha, promovierter Kultur- und Politikwissenschaftler, arbeitet zu Asian German Studies, postkolonialer Kritik, Rassismus und Migration an der Universität Tübingen. Seine Monografie Unrein und vermischt. Postkoloniale Grenzgänge durch die Kulturgeschichte der Hybridität und der kolonialen "Rassenbastarde" (2010) wurde mit dem Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien 2011 ausgezeichnet. Zahlreiche weitere Publikationen sind u.a. Asiatische Deutsche Extended. Vietnamesische Diaspora and Beyond (Hg, 2021).

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Regie Navina Sundaram BRD 1976

43 Min., OmeU

Meine Stadt, deine Stadt

Mit einem Kommentar von Nanna Heidenreich
​​Im Anschluss gemeinsame Diskussion mit Nanna Heidenreich und Merle Kröger

Navina Sundaram portraitiert die Stadt Mannheim aus der Sicht zweier Arbeiter: Heinz Schmid, gebürtiger Mannheimer und Abdul Rahman, Gastarbeiter aus der Türkei. Beide arbeiten im Werk von Mercedes Benz, Schmid als Facharbeiter, Rahman als Arbeiter und Vertrauensmann der Gewerkschaft. Zwischen Kleingartenkolonie, Karnevalsverein und Neubauwohnungen in den Vorstädten entsteht das Bild einer Arbeiterstadt jenseits bürgerlicher Vorstellungen von städtischer Kultur und Stadtgeschichte. Sundaram hinterfragt kritisch und hartnäckig den Kampfbegriff der Solidarität, erweitert auf die Beziehungen zwischen deutschen und türkischen Arbeitern. Ohne falschen Pathos erzählt der Film von latentem und offenem Rassismus, aber auch vom privaten Glück, von materiellem Erfolg und dem verblassenden Traum einer Rückkehr in die Türkei.

Nanna Heidenreich ist Medienkulturwissenschaftlerin und Kuratorin für Film/Video/Theorie/Interventionen. Seit Oktober 2020 ist sie Professorin für Transkulturelle Studien an der Universität für Angewandte Künste in Wien. Als Kuratorin hat sie für das HKW, Berlinale Forum Expanded, die AdKdW Köln gearbeitet.

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OmeU

Ausländertest + Binationale Ehen  + Asyl in der BRD + Der Fall Kemal Altun

​​Im Anschluss gemeinsame Diskussion mit Mareike Bernien und Merle Kröger

Ausländertest
Navina Sundaram, BRD 1982, 6 Min.
Mit einemKommentar von Georgios Tsiakalos

In einem teils satirischen Beitrag für extra drei widmet sich Navina Sundaram erstmals der Mehrheitsperspektive auf das Thema Rassismus. Sie beobachtet ein Experiment an der Universität Bremen, das versucht, die biologistische These, Vorurteile gegenüber Minderheiten und Xenophobie seien angeboren, zu widerlegen. 

Binationale Ehen 
Navina Sundaram, BRD 1982, 12 Min.

Aus der Perspektive von Frauen, die mit irakischen, portugiesischen und nigerianischen Männern verheiratet sind, zeichnet sich das Bild einer Gesellschaft, die Liebe und transkulturelle Bindung als Verrat an einer imaginären Nationalgemeinschaft versteht und in der anonyme Briefe, offene Beschimpfungen und gelöste Radmuttern, als auch Kämpfe um Rechte und Anerkennung zum Familienleben dazugehören.

Asyl in der BRD
Navina Sundaram, BRD 1982, 10 Min.

Der Filmbericht beginnt frühmorgens in der Hamburger Ausländerbehörde, unter den Wartenden herrscht ein Zweiklassensystem. Geflüchtete aus dem Ostblock dürfen nicht abgeschoben werden, für alle anderen, aus Afrika, Asien und Lateinamerika stammend, gilt: der Aufenthalt soll so unattraktiv wie möglich sein. Liberales Asylgesetz trifft auf restriktive Politik. Die Hamburger Sozialbehörde konstatiert einen regelrechten Abschreckungswettbewerb unter den Bundesländern.

Der Fall Kemal Altun
Navina Sundaram, BRD 1983, 9 Min.
Mit einemKommentar von Merle Kröger und einem Video-Interviewmit Navina Sundaram

Der wegen Mitarbeit an einer linken Schülerzeitung und unter dem Vorwurf der angeblichen Beteiligung an einem Attentat verfolgte Student Kemal Altun hatte 1981 in der Bundesrepublik Asyl beantragt. Parallel forderte die Türkei seine Auslieferung, und er kam in Abschiebehaft. Der Asylantrag wurde bewilligt, doch die Auslieferung wurde nicht gestoppt - das Bundesinnenministerium klagte gegen das Bundesamt für Asyl vor dem Berliner Verwaltungsgericht. Während der Gerichtsverhandlung verübte Altun durch einen Sprung aus dem Fenster Selbstmord.

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Regie Navina Sundaram BRD 1977

43 Min., OmeU

Zur Ausreise aufgefordert

Mit einem Kommentar von Urmila Goel und einem Video-Interview mit Navina Sundaram
​​Im Anschluss gemeinsame Diskussion mit Merle Kröger

Die indische Familie Chatterjee soll nach fast 25 Jahren legaler Anwesenheit in Deutschland ihr Aufenthaltsrecht verlieren. Was sich aus Perspektive der Eheleute, ihrer beiden Kinder, der Behörden und Unterstützer*innen entfaltet, ist ein komplexer Fall jenseits klischeehafter Opfer- oder Täterbilder, und Sundaram unternimmt eine filmische Sezierung des Falls bis in die kleinsten Details. Damit unterläuft der Film die gängigen behördlichen Argumente und endet mit einem starken Appell für eine Reform des Ausländerrechtes und eine weniger am Arbeitsmarkt orientierte Erteilung von Aufenthaltsgenehmigungen an Migrant*innen, die zum Teil über Jahrzehnte in Deutschland Steuern und Beiträge zur Arbeitslosenversicherung gezahlt haben. 

Urmila Goel ist Kulturanthropologin, Trainerin und Privatdozentin am Institut für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität Berlin. Ihre Forschungsgebiete sind Rassismus und Geschlechtertheorie, Westprivilegien im vereinten Deutschland und Migration aus Südasien (insbesondere Indien) nach Deutschland.

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